Irgendwie dazwischen – Update. Im Elbwatt.

Mein neues Romanprojekt (Arbeitstitel: „Irgendwie dazwischen“) wächst und wächst. Inzwischen bin ich auf S. 167 von geplanten ca. 250 (+/-50) Seiten, und noch immer nutze ich fast jede freie Minute, um daran weiterzuschreiben, denn ich bin weiterhin fasziniert und geradezu besessen von dem Buch.

Weil ich hin und wieder nach dem Projekt gefragt werde, aber nicht so richtig verraten kann, worum es geht (weil sonst das [von mir erhoffte … ;-)] Leseerlebnis beeinträchtigt wäre), und weil ich ja doch ziemlich ungeduldig bin, möchte ich heute eine (diesmal etwas längere) Textprobe hier veröffentlichen. Gestern war da nämlich mal wieder so eine Szene, die, als ich sie geschrieben hatte, danach schrie, und die, anders als die anderen Szenen, die auch schon geschrien haben, nicht zuviel verrät.

Diesmal umfasst die Textprobe etwas über 1000 Wörter. Sie besteht eigentlich aus zwei Szenen, die aber nur ca. eine halbe Stunde bzw. eine Textseite auseinander liegen. Zwischen der letzten Textprobe (siehe hier) und dieser liegen 80 Seiten und ein Zeitraum von 9 Tagen, die für beide Protagonisten alles andere als einfach waren, es ging für sie um alles, was sie sind und was sie waren, und sie sind noch immer nicht durch diese Krise durch. Aber sie haben einander, vielleicht jedenfalls, wenn man es doch nur genau wissen könnte, wenn man sich doch nur sicher sein könnte.

Es stimmt: Ich verstehe ihn. Ich verstehe sogar, warum er plötzlich geflohen ist. Und bin selber überwältigt. Von allem. Davon, dass wir uns begegnet sind, Percy und ich. Dass es mit ihm so anders ist. Dass ich ihn so mag. Dass wir einander so wichtig sind. Auf so eine besondere Art wichtig. Ich könnte rennen, ich könnte schreien, ich könnte fliegen, ich könnte zerspringen, ich bin so ausgefüllt, überfüllt von diesem wahnsinnigen Gefühl, von diesem unbegreiflichen Etwas, das mich erfasst hat, und ich möchte es teilen, mit Percy teilen, ich möchte seine Hand nehmen und mit ihm zusammen rennen, schreien, fliegen. Fühlst du das auch, möchte ich ihn fragen, platzt du auch gleich, komm lass uns rennen, lass uns zusammen irgendwo hinrennen und einander nie mehr loslassen.
Aber ich bin noch immer mehrere hundert Meter von Percy entfernt, und wenn ich bei ihm angekommen bin, werde ich nicht seine Hand nehmen und ihn das fragen. Denn wenn er nein sagen würde, nein, ich fühle das nicht, Manu, ich bin bloß froh, endlich einen Freund zu haben, das würde ich nicht aushalten.
Ach, Scheiße, warum ist er so weit geflohen, jetzt ist dieses Gefühl plötzlich weg, nun bin ich auf einmal ganz unsicher, jetzt, wo ich ihm näher komme und fast da bin. Er sitzt immer noch auf dem Deich, einfach so im Gras, im Schneidersitz. Vorhin hat er anders gesessen, soweit ich es erkennen konnte, wahrscheinlich hat er wirklich geweint, aber jetzt hat er sich anscheinend gefangen, er sieht eigentlich ganz entspannt aus, wie er da sitzt.
Ich gehe zu ihm hoch und setze mich neben ihn.
Stumm blicken wir beide auf den hier noch schmalen Streifen Salzwiesen und die weiten Wattflächen vor uns. Außer dem Möwengeschrei dringen Kiebitz-Rufe zu uns rüber, kiu-witt, kiu-witt, die Kiebitze laufen in den Salzwiesen umher, in größeren Schwärmen wie so oft. Auf der Elbe begegnen sich zwei Containerriesen. Der Himmel über uns ist zerrissen, ich glaube, es ist wirklich windiger geworden, vielleicht gibt es ja tatsächlich bald einen Sturm.
„Danke“, sagt Percy irgendwann.
Das Komische ist, dass ich mir sicher bin zu wissen, wie er das meint. Deshalb frage ich nicht: Wofür? Und ich sage auch nicht: Bitte. Oder: Gern geschehen. Ich schaue ihn einfach an und lächele.
Er lächelt zurück.

[…]

„Hast du keine Angst?“, frage ich Percy.
Ich hab nämlich welche. Man soll doch nicht allein ins Watt gehen, schon gar nicht, wenn gleich Niedrigwasser ist. Das Wasser kommt schneller als man denkt, die Priele laufen zu und schneiden einem den Rückweg ab. Und es gibt Stellen, da kann man einsinken. Ich bin nicht das erste Mal im Watt, aber das erste Mal ohne Wattführer.
„Nein“, sagt Percy. „Ich war schon mindestens hundertmal hier draußen. Ich kenn mich aus. Ich weiß, wie schnell das Wasser kommt und wo wir langgehen müssen.“
„Hundertmal? Warum so oft?“
„Weil’s schön ist. Faszinierend. Ruhig. Gewaltig. Friedlich. Immer gleich. Du wirst sehen.“
Okay, denke ich, wenn du meinst.
Wir gehen bis zu einem kleinen seitlichen Priel, dann hält Percy an.
„Hier bleiben wir stehen“, sagt Percy. „Wir haben Westwind, da kommt das Wasser schneller.“
„Und wie lange dauert es noch?“
Er schaut auf die Uhr.
„Ich denke, in zehn Minuten geht’s los.“
Wir stehen einfach da und warten. Der Wind bläst uns ins Gesicht und spielt mit unserem Haar. Man hört das leichte Flattern unserer Jacken, das Geschrei der Vögel und das ganz leichte Plätschern des Priels vor unseren Füßen. Noch immer rinnt das Wasser in Richtung Fahrrinne. Ich denke, der Priel müsste doch irgendwann leer sein, soviel Wasser enthält er doch gar nicht, aber irgendwo kommt immer neues Wasser her, wahrscheinlich aus dem Wattboden selbst.
Vor uns liegen noch mehrere hundert Meter Watt; dahinter erkenne ich die Elbe. Am Horizont sieht man das gegenüber liegende Ufer, dazwischen Schiffe.
„Achte auf das Elbwasser, auf die Kante“, sagt Percy und zeigt auf die Grenze zwischen Watt und Elbe, ungefähr dorthin, wo die Fahrrinne der Hafenzufahrt in die Elbe mündet. „Es geht bald los.“
Und dann geht es wirklich los. Es
ist faszinierend. Es sieht ein bisschen so aus, als würde die Elbe überlaufen. Ich kann es sehen, obwohl das Wasser noch so weit weg ist. Ganz schön schnell wird der Fluss breiter, verliert das Watt an Boden. Aber lange, bevor das Wasser bei uns ist, hat die Flut die Fahrrinne erreicht. Ganz leise und doch hörbar und vor allem schnell arbeitet sich eine kleine, vielleicht fünf Zentimeter hohe Flutwelle in unsere Richtung vor. Schneller als man rennen könnte. Aber die Fahrrinne liegt tiefer als der Wattboden, noch ist das Wasser nicht bei uns. Jetzt hat sich die Flut schon etwa die Hälfte des Watts zwischen uns und der Niedrigwasser-Wasserkante geholt. Je näher sie kommt, umso besser erkenne ich den Flutsaum, sehe, wie er zwei, drei Zentimeter höher ist als der Wattboden, wie er auf uns zukommt, geräuschlos, aber unaufhörlich.
„Das ist wirklich ein tolles Schauspiel“, sage ich zu Percy. Er steht ganz dicht neben mir. Ich könnte seine Hand nehmen. Aber ich tu’s nicht.
„Ich dachte mir, dass es dir gefällt.“
„Und du hast das wirklich schon hundertmal gemacht?“
„Wenn ich’s doch sage.“
„Woher nimmst du nur die Zeit dafür?“
„Ich war die letzten Jahre nicht gerade regelmäßig in der Schule. Und nachmittags … Außer dir war noch nie jemand mit mir hier draußen.“
Seine Stimme klingt rau.
Er sieht mich nicht an.
Er wählt seine Worte immer mit Bedacht, wenn er was von sich preisgibt. Aber zwischen diesen Worten ist noch so viel mehr. Er müsste kaputt sein. Zerbrochen. Doch er ist es nicht. Es weht eine steife Brise, aber er steht hier neben mir im Watt, er ist ein bisschen größer als ich und hat breitere Schultern als ich dachte.
Er hat mich mitgenommen an seinen Platz. Er hat gewusst, dass es mir gefällt.
Ich nehme seine Hand.
Sie ist warm.
Er zieht sie nicht weg.
Wir rennen nicht, wir schreien nicht, wir fliegen nicht. Aber ich zerspringe fast. Und ich wüsste so gern, ob er auch fast zerspringt.
Zu unseren Füßen rinnt das Wasser des kleinen Priels in Richtung Fahrrinne. Es ist immer noch das gleiche leise fließende und ein bisschen plätschernde Geräusch. Wann sich wohl die Fließrichtung umkehrt?
Leider nicht, bevor wir gehen. Ich schätze, der Flutsaum ist noch etwa hundert Meter von uns entfernt, als Percy sagt:
„Wir sollten gehen. Komm.“

aus „Irgendwie dazwischen.“ (Rohfassung), S. 162ff.

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Eine Antwort auf Irgendwie dazwischen – Update. Im Elbwatt.

  1. Christiane sagt:

    ..dieses Buch fasziniert mich. Zum einen, weil es vom Norden erzählt und ich bin halt ein echtes Nordkind. Aber auch, weil sich Vermutungen, die ich bereits beim Lesen der ersten Probe hatte, verdichten. Und ich zweifle, ob es wirklich so einfach ist, wie ich denke.
    Zum anderen gefällt mir Dein Stil sehr. Du beschreibst zwar sehr viel und schreibst sehr detailliert, aber nicht langatmig oder ausufernd, sondern weil Dein Buch aus Buchstaben besteht und nicht aus Bildern. Die lieferst Du dennoch und läßt dabei noch genügend Platz für die eigene Phantasie….ich bin gespannt, wie es weitergeht….und ob meine Vermutungen sich bewahrheiten werden und und und….