Zurück. – Kurzgeschichte

Vom 19.10.2011 bis zum 01.12.2011 war eine weitere Kurzgeschichte von mir online auf www.neobooks.com zu lesen.

Es handelte sich um einen Wettbewerbsbeitrag zum Special „Anne Hertz“. Die Wettbewerbsausschreibung lautete wie folgt:

„Das Leben ist kein Wunschkonzert!“ – wer kennt diesen Satz nicht! Aber verstehen wir ihn
alle gleich? Wie geht es weiter, wenn dieser Satz das eigene Leben gerade perfekt beschreibt? Vielleicht hilft uns gerade die Musik weiter …

Der Wettbewerb
In dem neuen Roman „Wunschkonzert“ von Anne Hertz geht es genau darum:
Musik! Und hier kommt unser Wettbewerb.
neobooks.com sucht gemeinsam mit freundin.de musikalische Kurzgeschichten.
Überrascht uns mit Geschichten, in denen Musik die Hauptrolle spielt. Sei es ein
Lied, ein Instrument oder ein Konzert: Eurer Kreativität sind dabei keine Grenzen
gesetzt. Das Autorenduo Anne Hertz ist Pate des Wettbewerbs.

Ich entschied mich, ein weiteres „SpinOff“ zu „Zu dünnes Eis“ zu schreiben und für den Wettbewerb einzureichen.

Leider gehörte die Geschichte nicht zu den 10 Finalisten, obwohl sie insgesamt 22 hervorragende Kritiken der Leser/innen bekommen hat. Unabhängig vom Ausgang des Juryentscheids jedoch war es ein intensives Erlebnis, die Geschichte zu schreiben, und ein tolles Gefühl, so viel positives Leserfeedback zu bekommen. Mal sehen, vielleicht findet sich für die Geschichte ja noch ein anderer Weg zur Veröffentlichung…

Kurztext

„Zurück.“ ist die Geschichte von einem, der lange weg war und langsam zurück ins Leben findet. Er lässt sich überreden zu einer Party eines alten Schulfreundes zu gehen. Die Musik sorgt für einen Abend, den er so nicht für möglich gehalten hätte…

Leseprobe

Der Text ist das geistige Eigentum von Sabine Nagel und unterliegt dem deutschen Urheberrecht. Vervielfältigung und Verwendung zu anderen Zwecken als der eigenen Information nicht gestattet.

Das habe ich nun davon. Was will ich hier? Ich gehöre hier nicht hin, nicht mehr. Aber Markus hat mich gebeten, mitzukommen. Gebeten? Genötigt hat er mich. Und ich hab mich auch noch breitschlagen lassen.

Zugegeben: Er hat ja recht. Vernünftige Gegenargumente gibt es nicht. Ich kann nicht immer weglaufen. Ich muss das machen, egal, wie viel Überwindung es mich kostet. Es ist an der Zeit.

Die Musik dringt uns schon entgegen, als Markus und ich uns  dem Haus nähern. Truly Madly Deeply von Savage Garden. „I wanna stand with you on a mountain …“. Ausgerechnet das Lied. Ganz laut haben wir es gehört und mitgegrölt, damals, 1999 im Sommer, als wir zusammen im Zugabteil saßen und in Richtung Südtirol fuhren. Markus, Jan, Corinna, Lilly und ich. Freiheit. Abenteuer. Spaß. Das ganze Leben lag vor uns. Und dann, ein paar Tage später, wir fünf auf dem Gipfel. Corinnas Lippen auf meinen. Sie schmeckten salzig. Für einen Moment existierten nur wir zwei.

Corinna … Sie wird auch da sein. Alle werden sie da sein. Jan hat schon zu Schulzeiten die besten Feten veranstaltet. Der Partyraum bei seinen Eltern ist aber auch einfach genial, besonders, weil man die Party bei gutem Wetter auch auf den Innenhof ausdehnen kann. Markus hat gesagt, da kommen sie noch immer zusammen, jedes Jahr zum Tanz in den Mai. Nur ich hab die letzten drei Jahre gefehlt.

Meine Hände sind zittrig und vor allem feucht. Die Haftreibung lässt direkt zu wünschen übrig. Gut, dass der Hof gepflastert ist und ich mich nicht auch noch über eine womöglich länger nicht mehr gemähte Rasenfläche quälen muss. Als Markus und ich das Hoftor hinter uns gelassen haben und um die Hausecke gebogen sind, passiert genau das, was ich mir im Vorhinein ausgemalt habe: Es ist, als würde die Musik plötzlich aufhören zu spielen. Was Quatsch ist, denn der Stereoanlage ist es natürlich egal, wer da kommt. Natürlich plärrt sie weiter. Das Lied ist mittlerweile am Ende angekommen, nur der Refrain wiederholt sich noch. Aber die Gespräche verstummen, innerhalb von Zehntelsekunden haben sich alle uns zugewendet. Alle. Matthias, Lilly, Andreas, Lena, Dennis, Holger, Jan, … und Corinna. Sie steht ganz hinten, in der Tür zum Partyraum, ein Sektglas in der Hand. Die Zeit bleibt stehen. Ein lockerer Spruch würde die Situation entkrampfen, aber ich bin alles andere als locker. Ich merke, wie meine Hände die Greifräder meines Rollis umklammern, und lasse los.

„Hi“, sage ich schließlich.
„Hi“, sagt auch Markus.
Ich bin so klein neben ihm.

Jan ist der erste, der sich aus der Erstarrung löst. Er ist ein guter Gastgeber.
„Mensch, Sascha, schön dich zu sehen!“ Seine Stimme klingt übertrieben laut.
Savage Garden werden gerade von den ersten Klängen von Grönemeyers Mensch abgelöst, es gibt also nichts zu übertönen. Jan kommt auf uns zu, ein Lächeln auf dem Gesicht. Ich erkenne die Unsicherheit darin, aber ich glaube, er freut sich wirklich, dass ich gekommen bin.

Die Begrüßung verunglückt etwas. Ist ja auch schwierig, so in zwei Etagen. Schließlich hält er mir die Hand hin, ich schlage ein, und er drückt sie lange und fest.
„Willkommen“, sagt er.
Ich räuspere mich. „Danke.“

Während Jan anschließend Markus begrüßt, stehen die anderen immer noch wie eingefroren da und starren. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Sie wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Ich habe damals den Kontakt abgebrochen, jeden Besucher von mir gewiesen. Jetzt tauche ich plötzlich wieder auf aus der Versenkung. Bin der alte und doch nicht der alte. Der Rollstuhl ist wie ein Ausrufezeichen, der Unfall hat mein Leben verändert und ihres nicht. Fast tun sie mir leid, wahrscheinlich ist ihnen die Situation genauso unangenehm wie mir.

Plötzlich, noch bevor Grönemeyer zu singen beginnt, wird mir klar, dass ich es bin, der die Situation entspannen muss, und ich bin über mich selbst überrascht, wie locker es mir über die Lippen kommt: „Hey Leute, ich freu mich auch, euch zu sehen. Aber wenn ihr euch bewegt, seht ihr echt besser aus.“

Der Spruch ist besser als alle, die ich mir krampfhaft zu Hause überlegt und dann doch wieder verworfen hatte. Ein spontaner Einfall, wie früher, als die Welt noch in Ordnung war. Und er verfehlt seine Wirkung nicht. Alle lachen, erwachen aus der Erstarrung, und auch ich setze meinen Rollstuhl wieder in Bewegung und komme auf sie zu. Nach und nach begrüßen wir uns alle. Die meisten Jungs schlagen ein wie Jan, einige der Mädels beugen sich zu mir runter zu einer Art Umarmung, alles sehr herzlich, wenn auch noch immer etwas verkrampft. Herbie singt inzwischen aus vollem Halse, da bin ich schließlich bei der Tür angelangt, in der noch immer Corinna steht, unbeweglich, still, gehemmt. Sie sieht aus, als suche sie Halt am Türrahmen, die Begegnung mit mir, der ich sie damals weggeschickt habe, scheint sie zu stressen, hochgradig. Dabei bin ich mir sicher, dass sie froh war, dass ich unsere Beziehung beendet habe, als wir beide mit der Situation überfordert waren. Ich war ein seelisches Wrack, eine Zumutung für jeden, und ganz besonders für sie.

„Hallo Corinna.“
„Hallo Sascha.“ Sie bleibt stehen, gibt mir noch nicht einmal die Hand. Unsicher streicht sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Übersprungshandlung. Ich kenne mich inzwischen aus mit dem ganzen psychologischen Kram.
„Wie geht’s dir?“, frage ich. Ich will nicht aufgeben, will eine ungezwungene Unterhaltung. Koste es, was es wolle. Die Umstände, unter denen wir uns damals getrennt haben, waren alles andere als einfach.

Sie zuckt mit den Schultern. Ihr Sektglas ist leer, aber sie hält es noch immer fest in der Hand. „Ganz gut“, sagt sie.

Ende der Leseprobe.

Ausgewählte Leserstimmen

Ich danke allen Rezensent/innen für das reiche Feedback. Es ist toll, auf diese Weise von mir persönlich vollkommen unbekannten Menschen zu erfahren, wie die Geschichte bei den Leser/innen ankommt. Und noch mehr freue ich mich darüber, WIE sie angekommen ist – nämlich genauso, wie ich es mir erhofft hatte! Aus den zahlreichen Leserstimmen habe ich einige Auszüge hier zusammengestellt.

[…] Man kann […] die Beklommenheit auf beiden Seiten fühlen. […] Das ist so gut dargestellt, dass man als Leser sich mitten unter den Freunden auf der Party wähnt. […] Klassische Kurzgeschichte, die […] den Leser sofort fesselt, und die beinahe unvermittelt endet […], während der Leser mit „Aha-Erlebnis“ zurückbleibt, die Geschichte weiterspinnt, deutet und dem Nachhall lauscht. […] (Mart Wolff am 19.10.2011)

Wie schafft man es, beim Schreiben sich selbst und seine Leser in eine Situation zu entführen, die keiner von beiden so je selbst erlebt hat (das ist meine Annahme), und die dennoch auf solch nachvollzieh- und vorstellbare Weise vor beider Augen entsteht? Wie genau dieses kleine Wunder stattfinden kann, zeigt Sabine Nagel in ihrer leisen Geschichte auf.
Zurück. Nein. Sascha geht voran. Und wenn die Jury nach DER Geschichte sucht, in der Musik gefühlt und nicht nur beschrieben wird, dann ist sie genau hier richtig.
[…] Sabine Nagel lässt uns direkt in die Szene einsteigen, spinnt die Fäden von Vergangenheit und Gegenwart gekonnt miteinander und lässt mich die Perspektive wechseln. Ich – ich selbst sitze mit einem Mal in diesem Rollstuhl. Besser geht es nicht.
Die Autorin verzichtet auf jede Überflüssigkeit und damit auch auf Dramatisierung und Überzeichnung. Ich spreche ihr, ohne sie zu kennen, große Empathie zu, und habe ihre Zeilen mit dem Wissen um die Option gelesen, dass auch mein eigenes Leben sich von einer Sekunde zur anderen jederzeit auf ähnliche Weise ändern kann. […]
Besonders gefallen hat mir darüber hinaus das Gedankenspiel von Sascha, welches sich zwischen beiden vergangenen Lieben bewegte. Behindert oder gesund, in diesen Zeilen verbirgt sich ein Teil des Geheimnisses um die Liebe zu einem anderen Menschen. Lebensnah auch die Dialoge. Und über allem liegt die Musik. Liebe Sabine Nagel, das Nordlicht macht seinem Namen Ehre und ist für mich der leuchtendste Stern im Wettbewerb. Hier sind viele, viele schöne Geschichten zu finden, jede auf ihre ganz eigene Weise. ‚Zurück‘ strahlt ganz besonders hell. Viel, viel Glück für diesen Wettbewerb und darüber hinaus. (Heike Pohl am 19.10.2011)

Es ist immer wieder faszinierend, wie sehr Worte berühren können. Uns treffen und uns in Erzählungen versinken lassen. Liebes Nordlicht, ich kenne deine Werke bislang nicht, darf aber an dieser Stelle behaupten, dass ich nach diesen Zeilen das Bedürfnis habe mehr lesen zu dürfen, deine Gedanken und Ideen weiter kennenlernen möchte. Geschickt eingebrachte Erinnerungsstränge zeigen das auf, was der Leser zum Verständnis der Geschichte benötigt. Die Erzählung jedoch verliert sich darin nicht. Danke, für deine Worte, deine Zeilen, sie treffen den Leser zutiefst! (Mephista am 19.10.2011)

Pfeilgerade trifft diese Geschichte. Mein Mann ist Rollifahrer, und es gab einen Silvesterabend, an dem wir alles über Bord geworfen und getanzt haben…Diese Geschichte wirkt völlig authentisch. Ohne Pathos, kristallklar und ehrlich kommt sie rüber, kein Wort zuviel und keines zuwenig. Ich bedanke mich einfach für dieses Lesegeschenk, denn es gibt nichts, aber auch gar nichts auszusetzen. Sie funkelt still vor sich hin und bleibt im Gedächtnis. (Patricia Koelle am 20.10.2011)

Atmosphärisch erzählte Geschichte mit einem sehr berührenden Plot, der einem sehr sehr nahe geht. […] Ein mehr als inspirierter Beitrag zum Wettbewerb. (elenji am 21.10.2011)

[…] „Der Rollstuhl ist wie ein Ausrufezeichen (…)“. Was für ein Satz! Mir gefällt der Stil sehr gut – kurze, klare Sätze, nichts Gewolltes, keine Stolperformulierungen. […] Es wirkt glaubhaft und unkapriziös. Ein durch und durch gelungener Text – Gratulation! (Mathias Wünsche am 25.19.2011)

[…] In den Dialogen erscheinen die Protagonisten ausgesprochen authentisch. […] Besonders gut sind die anfänglichen Eigentümlichkeiten des Wiederbegegnens nach so langer Zeit beschrieben. […] Goldrichtig ist die Entscheidung der Autorin, das erzählte Geschehen auf die wenigen Party-Stunden zu begrenzen. Dadurch und dank der Erzählung im Präsens wirkt die Geschichte lebensnah, intensiv, berührend. […] Durchgängig beweist die Autorin ein ausgeprägtes Sprach- und Stilgefühl. Rhythmus und Melodie der Sätze gelingen mühelos, scheinbar intuitiv. Nichts ist sprachlich überfrachtet. Dennoch sind Formulierungen ausdrucksstark, lassen auf einen umfangreichen Wortschatz schließen. […] Diese unprätentiös erzählte Story sollte sich kein neobooks-Leser entgehen lassen. Kann und soll einer, der an den Rollstuhl gefesselt ist (ein Behinderter überhaupt), am ganz normalen Leben teilhaben? Die Geschichte verzichtet auf rührseliges Beiwerk und ist dennoch (oder gerade deshalb) ein klares Plädoyer fürs Ja. Gemütsveränderungen, Berührungsängste, Reaktionen des Umfelds und Selbstüberwindung, – all das wird von Sabine in ansprechendem Erzählstil thematisiert. So gewinne ich den Eindruck, dass sich die Autorin in Saschas Haut, sein Innenleben hineingefühlt hat, ehe sie mit dem Schreiben begann. Sich diesem Anliegen literarisch zu widmen ist halt keine bloße Kopfarbeit. Nichts wirkt in dieser Geschichte konstruiert oder künstlich aufgepeppt. […] Auf weitere Arbeiten der talentierten Autorin darf man zu Recht gespannt sein. (ArnoldAndreas am 26.10.2011)

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