Rezensionen

Hochbegabte Kinder in der Grundschule. Erkennen – Verstehen – Im Unterricht berücksichtigen.

Schulverwaltungsblatt Niedersachsen 9/2001, Seite 365:

In den letzten Jahren wurden Lehrer und Eltern mehr und mehr mit dem Phänomen kindlicher Hochbegabungen konfrontiert, vor das sie Schüler und eigene Kinder stellten. Diese Kinder verfügen schon im Vorschul- und Grundschulalter über Fähigkeiten und Fertigkeiten, die den Rahmen vorgegebener schulischer Lerninhalte oft weit überschreiten. So kommen sie zum Teil schon mit autodidaktisch erworbenen und gut ausgebildeten Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen in den Erstunterricht und haben meist daneben Interessengebiete entwickelt, die vom schulischen Fächerkanon nicht aufgefangen werden können. Der Bedarf an umfangreicher Aufklärung entstand interessanter Weise dadurch, dass solche Kinder oft den schulischen und häuslichen Alltag in nicht unerheblicher Weise überfordern und teilweise sogar stören, wenn sie sich in ihrer speziellen Begabungsstruktur nicht angenommen fühlen.

Dem Informationsbedürfnis von Lehrern und Eltern standen bisher nur sehr wenige und daneben meist sehr fachspezifische Veröffentlichungen gegenüber, sodass sich Lehrer und Eltern gleichermaßen im angemessenen und hilfreichen Umgang mit hochbegabten Kindern allein gelassen fühlen. Frustrationen bei allen Beteiligten, die bei den betroffenen Kindern bis hin zur Schulverweigerung führen können, sind nicht selten die Folge.

Das Buch von Sabine Schulte zu Berge ist in hohem Maße geeignet, diese Lücke auszufüllen. Besonders praxisnah ist es deshalb, weil die Autorin, auch als selbst Betroffene, im Rahmen ihres Studiums die kindliche Hochbegabung zum Schwerpunkt gewählt hat. Somit war es ihr möglich, ihre Forschungen und Erkenntnisse an ihren Erfahrungen aus Unterricht, Gesprächen mit betroffenen Lehrern und Eltern sowie an den Kindern selbst zu orientieren.

In ihrem Buch gibt die Autorin umfassende Hinweise im Blick auf »Erkennen – Verstehen – Im Unterricht berücksichtigen«, die geeignet sind, Fragen und Unsicherheiten im Umgang mit hochbegabten Kindern in der Grundschule zu beantworten und fundierte Hilfestellung zu leisten.

Die vier Hauptteile ihres Buches stellen einen umfangreichen Überblick über die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Grundlagen der Hochbegabtenforschung bereit, daraus resultierend Forderungen an Schule und Unterricht, Empfehlungen zum Umgang mit besonders begabten Kindern im Unterricht und Realisationsmöglichkeiten. Die vielen Falldarstellungen und Unterrichtsbeispiele machen dieses Buch für den Pädagogen in seinem Umgang mit hochbegabten Schülerinnen und Schülern und für Eltern hochbegabter Kinder besonders wertvoll. Die umfangreiche Literaturliste gibt ebenfalls wertvolle Hinweise.

Wie Bönsch in seinem Vorwort ausführt, geht »das Denken der Autorin nicht in Richtung einer Eliteerziehung, sondern zielt auf einen sozialintegrativen Ansatz der Begabungsförderung.«

Ein notwendiges und fundiertes Buch zum Umgang mit begabten Kindern, das helfen kann, Verständnis zu wecken, Rat und Hilfestellung zu geben, und Aufklärung bietet. Das Buch ist auch für weiterführende Schulen sehr informativ und sollte in keiner Lehrerbücherei fehlen.

Renate Breuel

 

Zeitschrift „Grundschulunterricht“, 7+8/2002: Begabtenförderung, S. 62:

Für wen ist es [das Buch] lesenswert?

Über diese Veröffentlichung habe ich mich als Schulpsychologin, die großes Interesse an Begabtenförderung hat, sehr gefreut. – Weshalb? Weil ich diese Darstellung besonders informativ und verständlich, angesichts der PISA-Ergebnisse auch notwendig finde. Deshalb empfehle ich dieses Buch gerne weiter.

Worum geht es ihr [der Autorin]?

In ihrem „sehr persönlichen Vorwort“ schildert die Autorin eindrucksvoll, wie ihre leidvolle Schulzeit (wohl als Hochbegabte) sie zu diesem Thema geführt hat. Im Rahmen ihrer Vorbereitungen für ihre Examensarbeit hospitierte sie an einer Grundschule im Raum Hannover, sprach dort mit den Lehrkräften und Eltern von überdurchschnittlich begabten Kindern sowie mit den Kindern selbst. Außerdem besuchte sie das Treffen einer Elterninitiative in Hildesheim. Zusätzlich beschäftigte sie sich noch intensiv mit einigen Fallbeispielen und besorgte sich die Berichte zweier Schulversuche. Somit stellt sie nicht nur theoretische Überlegungen zum Themenbereich ausführlich dar, sondern gibt auch vielerlei eigene Beobachtungen und Anregungen für konkrete Unterrichtsarrangements.

Ihre zentrale Frage lautet daher: Wie können Begabungen bei Schülerinnen und Schülern entdeckt und die Umweltbedingungen so gestaltet werden, dass alle Kinder, auch die mit überdurchschnittlicher Begabung, ihre Persönlichkeit und ihre Begabungen in größtmöglichem Ausmaß entwickeln und entfalten können? Dazu gliederte sie ihre Arbeit in vier Bereiche:

Im ersten Teil geht es um grundlegende Überlegungen zu den überdurchschnittlich begabten Kindem. Die Autorin gibt Begriffsklärungen zu wichtigen Termini wie z. B. Intelligenz, Kreativität, Begabung, Hochbegabung sowie Erläuterungen zu den Merkmalen überdurchschnittlich begabter Kinder. Die Notwendigkeit der Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse, wozu auch ihre Förderung gehört, wird sowohl vor dem gesellschaftlichen Hintergrund beleuchtet als auch vor der Perspektive des einzelnen, oft unter den schulischen Bedingungen leidenden Kindes begründet.

Im zweiten Teil leitet die Autorin daraus 10 Forderungen an die Gestaltung von Schule und Unterricht ab. Wichtig ist ihr dabei ein begabungsfreundliches Klima an der Schule und in der Klasse sowie eine ausführlichere Informiertheit im Lehrerkollegium über das Thema der besonderen Begabung/Hochbegabung.

Im dritten Teil stellt sie Möglichkeiten der Realisation dieser theoretischen Grundsätze vor. Aus systemimmanenter Sichtweise beschreibt sie unterrichtsinterne und schulorganisatorische Maßnahmen, angereichert mit Anregungen für den Unterricht „auf dem Boden der Realität und des Machbaren.“ Für den Unterricht gibt sie Beispiele für Differenzierungsmaßnahmen, u. a. begabungsgerechte Aufgabenzusammenstellungen in binnendifferenzierten Unterrichtsphasen und Elemente Offenen Unterrichts. Als klassenübergreifende Maßnahme stellt sie die Möglichkeiten der Leruwerkstätten und Arbeitsgemeinschaften dar, verweist aber auch auf die Möglichkeiten der Akzeleration wie etwa das Überspringen von Klassen, die vorzeitige Einschulung oder die Teilnahme am Fachunterricht höherer Klassen.

Im vierten Teil klärt sie, „in wieweit sich die vorgestellten systemimmanenten Maßnahmen in ausreichender Quantität und Qualität im Schulalltag verwirklichen lassen und ob auch systemübergreifende Überlegungen angestellt werden müssen.“ Hierbei führt sie z. B. den Aufbau eines funktionierenden Netzwerkes von Beratungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zur Hochbegabtenförderung an, für dessen Rahmenbedingungen und finanzielle Förderung die oberste Schulbehörde sich einsetzen sollte. Auch die Bereitstellung von geeignetem Unterrichtsmaterial für besonders begabte, interessierte und kreative Kinder wäre von den Schulbuchverlagen zu wünschen.

Im Anhang gibt sie Informationen zu einigen der beschriebenen Schulbeispiele, Gedächtnisprotokolle der Gespräche mit hoch begabten Kinderu und deren Eltern, sowie mit Grundschullehrkräften. Außerdem sind Beispielmaterialien wie Aufgabenzettel und Wochenpläne zu finden.

Wie stellt sie das Thema dar?

Lehrkräfte und Eltern berichteten mir, dass sie dieses Buch sehr verständlich geschrieben, spannend zu lesen sowie praktikabel für den Unterricht fanden. Auch ich empfinde die Vorgehensweise der Autorin als äußerst behutsam, ihre Ausführungen angenehm übersichtlich und prägnant gestaltet. Sie hat sich einfühlsam auf die Bedürfnisse von Grundschullehrkräften mit wenig Vorwissen zum Thema eingestellt und zeigt ihnen praxisnahe Wege auf, wie sie hoch begabte Kinder im Unterricht annehmen, in ihrer Einzigartigkeit respektieren, wertschätzen und berücksichtigen können. Außerdem gibt sie Einblicke in die Entwicklung ihrer persönlichen Auffassungen zum Thema Hochbegabung und ihre Forderungen dazu an die Schule. (Mehr unter: www.sszb.de)

Als Psychologin wünsche ich mir eine positivere Bewertung von Intelligenztests, bieten sie doch Erkenntnisse über intellektuelle Stärken und Schwächen. Somit können auch Tests ermöglichen, dass die Potentiale überdurchschnittlich begabter Kinder erkannt und berücksichtigt werden.

Marlen Bartels, Hamburg

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