Über den Berg – Kurzgeschichte

„Über den Berg“ ist eine 11 Normseiten umfassende Kurzgeschichte, die für den Kurzgeschichtenwettbewerb zum „Tag des Schreibens“ geschrieben und eingereicht habe. Die Geschichte erschien Ende des Jahres 2011 zusammen mit 10 weiteren Kurzgeschichten aus dem Wettbewerb in der eBook-Anthologie „Zeilenumbruch“ in der EditionZ des Twinmedia Verlages.

Dies war das Cover, das ich für die Wettbewerbsteilnahme zu der Kurzgeschichte erstellt hatte. In der Anthologie wird es nicht erscheinen. Es zeigt den Aufstieg auf den Carnedd Daffydd, Snowdonia, Wales.
© Sabine Nagel, Mai 2010.

 
 

Kurztext

Am Ende des Tages, den der Leser hier miterlebt, ist Sascha noch lange nicht über den Berg. Aber er hat einen Freund – und endlich die Kraft, sich der Herausforderung zu stellen. Oben leuchtet der Himmel. Ein bisschen davon kann Sascha schon sehen.

 

SpinOff

Die Hauptperson der Kurzgeschichte, Sascha, ist einer der beiden Protagonisten aus dem Roman „Zu dünnes Eis„. „Über den Berg“ ist jedoch aus Saschas Sicht geschrieben und beleuchtet einen Tag im Leben Saschas aus der Zeit der Trennung von Fredi. Die Geschichte ist in sich unabhängig; gleichzeitig ergänzen sich beide Werke gegenseitig, gleichgültig, in welcher Reihenfolge man sie liest.

 

Entstehungsgeschichte der Anthologie „Zeilenumbruch“

Im Mai/Juni 2011 war auf der Plattform neobooks.com ein Kurzgeschichtenwettbewerb zum „Tag des Schreibens“ ausgeschrieben. Das Thema lautete:

Es gibt Tage, die verändern das gesamte Leben. Manchmal reichen wenige Buchstaben aus und schon ist nichts mehr wie vorher. Wir wollen Geschichten lesen, in denen ein geschriebenes Dokument und der Tag, an dem es geschrieben wurde eine wichtige Rolle spielen – das kann zum Beispiel ein Brief, ein Testament oder ein einfacher Zettel sein…

Über 200 Kurzgeschichten wurden eingereicht. Meine Geschichte erhielt sehr viele positive Rezensionen, zählte aber am Ende nicht zu den Gewinnern. Einige der Autorinnen und Autoren, die schön länger sehr aktiv bei neobooks waren, schlossen sich zusammen, um ihre Geschichten dennoch in einer eBook-Anthologie herauszubringen. Entstanden ist eine tolle Sammlung von elf sehr unterschiedlichen Geschichten, die jede auf ihre Art das Thema auf sehr gelungene Weise umgesetzt haben.

Seit dem 08.12.2011 kann die Anthologie käuflich erworben werden. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

 

Leseprobe „Über den Berg“

Der Text ist das geistige Eigentum von Sabine Nagel und unterliegt dem deutschen Urheberrecht. Vervielfältigung und Verwendung zu anderen Zwecken als der eigenen Information nicht gestattet.

Es ist Samstagmorgen, 0:11 Uhr. Ich sollte ins Bett gehen, aber ich kann ja doch nicht schlafen. Seitdem ich mich von Fredi getrennt habe, liege ich oft noch lange grübelnd im Bett. Sie fehlt mir, immer noch. Ich habe sie geliebt. Und doch habe ich sie in den Wind geschossen. Weil ich keine Kraft mehr hatte, ihr vorzumachen, dass es mir gut geht. Ich will stark sein, ebenbürtig; gelungen ist es mir nicht. Jetzt kämpfe ich wieder allein, seit neun Monaten schon, mit mir und mit meinem beschissenen Leben und jede Nacht mit dem Einschlafen.

Ich öffne noch einmal das E-Mail-Programm. Vielleicht gibt’s ja doch noch was Neues, auch wenn es unwahrscheinlich ist. Max und Philipp aus meinem Semester und Hannes vom Basketball, der irgendwie viel besser klarkommt als ich, haben auch was Besseres zu tun, als mich ständig mit Mails zu beglücken.

Es macht „pling“ – ich habe tatsächlich eine neue Mail. Ich erschrecke, als ich den Absender erkenne. Markus Wieland. Mein bester Freund aus meinem alten Leben. Er hat die Mail erst vor wenigen Minuten abgeschickt. Was will er von mir? Atemlos lese ich seine Zeilen:

„Hi Sascha, wollte mal hören, wie’s dir so geht. Ich weiß, du hast mir gesagt, du willst keinen Kontakt mehr, aber das ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Zweieinhalb Jahre sind eine lange Zeit. Ich will mich nicht aufdrängen. Aber du sollst wissen: Ich bin immer noch dein Freund und habe dich nicht vergessen. Ich hoffe, dir geht es gut. Wenn ja, lass mal von dir hören. Wenn nein – dann erst recht. Meine Handynummer siehst du unten in der Signatur. Ich würde mich sehr freuen. Ganz liebe Grüße, Dein Freund Markus“

Von außen betrachtet eine ganz normale Mail. Schrifttype Courier New, 10 Punkt, Nur-Text Format. Kein Bild, kein Anhang. Wenige Zeilen, im wahrsten Sinne des Wortes unaufdringlich. Nüchtern. Und doch treffen sie mich, mitten ins Herz.

Ich habe in letzter Zeit öfter an Markus gedacht. Wie kommt er darauf, mir gerade jetzt zu schreiben? Ahnt er, dass ich längst bereue, ihn damals weggeschickt zu haben? Dass es mir leidtut, so gemein und zynisch gewesen zu sein, nur damit er endlich geht? Er ist damals der Hartnäckigste von allen gewesen. Ich musste die schwersten Geschütze auffahren, alle Brücken abbrechen, alles Land verbrennen. Irgendwann ist er wirklich gegangen.

„Ein Ekel bist du geworden, Sascha. Weißt du was, du kannst mich mal. Ertrink doch in deinem Selbstmitleid, wenn dir das lieber ist.“ Seine Stimme war voller Hass, als er es zu mir sagte, auf dem Absatz kehrtmachte und ging. Und ich blieb zurück, allein auf dem Bett, daneben der Rollstuhl, dessen Sitzfläche mir unendlich weit weg und unerreichbar schien. Markus’ Worte hätten für mich ein Schlag ins Gesicht sein müssen, aber ich war einfach nur erleichtert, dass er weg war und nicht sah, wie ich mich abmühte. Wie mir der Schweiß auf die Stirn trat, wenn ich all meine Kräfte zusammennahm, um vom Bett in den Rollstuhl überzusetzen. Wie meine Arme von der Kraftanstrengung zu zittern begannen, weil ich mehrere Anläufe brauchte, bis es mir endlich gelang, meinen bis zum Bauchnabel gelähmten Körper in den Rollstuhl zu befördern. Als ich schließlich drin saß, war mein T-Shirt nass vor kaltem Schweiß.
Und Markus war weg.
Für immer. Wie so viele. Alle eigentlich.
Gut so.
In meinem neuen – armseligen – Leben war kein Platz für ihn.

Erst sitze ich eine Weile wie betäubt vor dem Bildschirm. Ich höre Markus’ wütende, enttäuschte, schneidende Stimme, als hätte er es eben erst gesagt. Und jetzt diese Mail. Einfach so baut er mir eine Brücke. Lässt zwischen den Zeilen durchblicken, dass er nicht sauer ist wegen damals. Weit hat er die Tür geöffnet, und ich muss einfach nur hindurchgehen. Oder vielmehr …

Ende der Leseprobe.

Ausgewählte Leserstimmen

Mir gefällt diese Geschichte sehr gut, weil sie mir einen tiefen, tiefen Einblick in eine stark gebeutelte Seele gibt. Einen Einblick, den ich auch aus meinem Bekanntenkreis nicht kenne, deshalb ohne diesen Text überhaupt nicht gekannt hätte. […] Diese Geschichte ist vieles für mich: tiefgründig, sogar abgründig, hoffnungsvoll, eigensinnig und sogar humorvoll, auf eine …liebenswert sarkastische Art und Weise. Für mich ist hiermit eine weitere, unabhängige Facette der Geschichte um Fredi und Sascha (hier ganz ohne Fredi) zum Leben erweckt worden. (Nathan Jaeger, 16.06.2011)

Eine Geschichte über Mitgefühl – nicht Mitleid (!) – und echte Freundschaft – eine Geschichte über das Leben, das Weiterleben und Lebensfreude. Ach, was soll ich sagen: ich finde sie einfach schön. Dafür gibt es noch tausend Gründe. Aber wer braucht die eigentlich? Gekonnt geschrieben, Thema getroffen – und das Leserherz :-) (Brigitte Pons, 16.06.2011)

Sehr einfühlsam und authentisch geschrieben und mit dem gewissen Etwas, das bei mir eine kleine Gänsehaut verursacht hat. (Rebecker, 17.06.2011)

Deine Charaktere, liebes Nordlicht, packen mich. Mit jeder einzelnen Faser meines Seins. Ich habe das Gefühl deinen Sascha zu kennen … inzwischen so gut, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich ihn gerne treffen würde. Ich weiß nicht, ob ich sein Selbstmitleid – das wahnsinnig gut rübergebracht und natürlich völlig verständlich ist – aushalten könnte … Auch hier habe ich die Geschichte in einem Rutsch gelesen in einer gefühlten zehntel Sekunde. (Maria M. Lacroix, 18.06.2011)

Eine tolle Hinführung zu den Protagonisten. Die Figur entwickelt sich wie eine Zwiebel – Schicht für Schicht. […] Diese Geschichte kommt auf leisen Sohlen oder – besser gesagt – rollt auf leisen Rädern. Ich lese zum ersten Mal was von dir und bin gleichauf begeistert! So macht man Sätze und transportiert Gefühle. Spitze! Keine Fehler, die mir aufgefallen wären. Tolle Dialoge: ehrlich, erfrischend und alles andere als langweilig. (Jorden, 19.06.2011)

 

Dank

Ich danke den Rezensenten, die meine Geschichte auf neobooks gelesen und bewertet haben, nicht nur für ihr Lob, sondern auch für ihre kritischen Anmerkungen zu zwei Punkten, die ich später überarbeitet habe. Es ist immer eine besondere Herausforderung, eine Geschichte aus der Sicht des anderen Geschlechts zu schreiben – sie auch in dieser Hinsicht bis ins (hoffentlich) letzte Detail stimmig zu bekommen wäre mir ohne das Lektorat von Tonja Züllig und besonders von Ivar Furrer so nicht gelungen.

 

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