Verhaltensveränderungen erreichen („Benimmpläne“)

Fast jede Lehrkraft hat sie in ihren Klassen: Schüler/innen, die sich häufig nicht angemessen verhalten. Es fällt ihnen schwer, sich an Regeln zu halten, sie stören den Unterricht, beleidigen Mitschüler, schreiben Briefchen, oder, oder, oder. Nicht immer zeigen Gespräche mit den Schüler/innen und den Eltern sowie sonstige „übliche“ Maßnahmen (Mitteilungen, Extraaufgaben, …) die gewünschte Wirkung. Ich habe sehr gute Erfahrung mit „Benimmplänen“ gemacht, die, richtig und konsequent eingesetzt, es ermöglichen, zusammen mit dem Schüler oder der Schülerin und den Eltern eine dauerhafte Verhaltensveränderung zu bewirken.

Was sind „Benimmpläne“?

Das Wort „Benimmplan“ ist umgangssprachlich zu verstehen. Es handelt sich hierbei um einen Vertrag zwischen Schüler, Eltern und den Lehrkräften, die das Kind unterrichten, in den zugleich die Dokumentation der Verhaltensbeobachtung integriert ist. Dieser Plan wird in einem gemeinsamen Gespräch zwischen den Eltern, dem Kind und der Klassenlehrkraft besprochen und ausgefüllt. Ein leerer Plan ist oben im Bild zu sehen (zur vergrößerten Ansicht bitte draufklicken). Die theoretische Grundlage für die Arbeit mit einem „Benimmplan“ ist die Verhaltensmodifikation.

Das Eltern-Schüler-Lehrer-Gespräch

… ist Grundbedingung für den erfolgreichen Einsatz eines „Benimmplans“. Das Gespräch sollte auf etwa eine halbe Stunde angesetzt sein und keine weiteren „Subthemen“ haben. Zunächst bespricht die Lehrkraft mit Eltern und Schüler/in, welches Verhalten das Kind verändern muss und warum dies für das Kind wichtig ist. Das Gespräch muss so angelegt sein, dass das Kind selbst sieht, welche Vorteile es davon hat, sein Verhalten zu ändern (z. B. besser mit den anderen Kindern auskommen, besser im Unterricht mitkommen, bessere Leistungen erbringen können, weniger Konflikte mit den Lehrkräften haben, …). Nur wenn es gelingt, das Kind mit ins Boot zu holen, dass es selbst auch an sich arbeiten will, macht es Sinn, mit einem „Benimmplan“ zu arbeiten.

Wenn die Lehrkraft den Eindruck hat, dass das Kind selbst auch eine Verhaltensveränderung möchte, erklärt sie den Plan. Im oberen Bereich formuliert das Kind (!) – evtl. mit Hilfe – bis zu 3 Regeln, an die es sich in der nächsten Woche besonders gut halten will. Es müssen solche Regeln sein, die erwarten lassen, dass ein Befolgen dazu führt, dass das Ziel (besser mit anderen Kindern auskommen, besser im Unterricht mitkommen, bessere Leistungen erbringen können, …) erreicht werden kann.

Anschließend wird der „Stundenplan“ erklärt. Dieser muss auf den aktuellen Stundenplan der Klasse angepasst sein. Im vorliegenden Beispiel gibt es 34 Einheiten (Einzel- oder Doppelstunden) in einer Woche. Nach jeder Einheit muss das Kind mit einem Smilie (lachend, gerade oder weinend) bewerten, wie gut es in dieser Stunde/Doppelstunde die Regeln eingehalten hat. Dann muss es zur Lehrkraft gehen und den Plan vorlegen; diese setzt ihre Einschätzung daneben. Sind die Einschätzungen unterschiedlich, soll ein kurzes Gespräch erfolgen, damit das Kind die Einschätzung der Lehrkraft versteht.

Während des Eltern-Schüler-Lehrergesprächs benennt das Kind (!) – evtl. mit beratender Hilfe durch die Lehrkraft – ein Ziel, wieviele lachende Smilies (nur die Lehrer-Smilies zählen) das Kind in der Woche sammeln und wieviele weinende Smilies es höchstens bekommen sollte, damit der Plan als erfolgreich bewertet werden kann. Im vorliegenden Beispiel wäre ein mögliches Ziel z. B. mindestens 29 lachende Smilies und höchstens 2 weinende. Das Ziel wird unten notiert.

In dem Eltern-Lehrer-Schüler-Gespräch muss die Lehrkraft den Eltern deutlich machen, wie wichtig es ist, dass sie sich täglich den Plan (der am besten ins Mitteilungsheft geklebt wird, damit er nicht verloren geht) vorlegen lassen und unterschreiben. Sie unterschreiben dabei nicht nur die Kenntnisnahme, sondern auch, dass sie mit ihrem Kind über den Tag gesprochen haben und sich mit ihm gemeinsam über Erfolge freuen oder Probleme besprechen.

Ich mache es in der Regel so, dass ein Kind drei Pläne erfolgreich abschließen muss, bevor es den (für das Kind auf Dauer ganz schön lästigen) Plan wieder los ist. Wird eine Woche das Ziel nicht erreicht, zählt diese Woche nicht. Weniger als 3 Wochen sind nach meiner Erfahrung ein zu kurzer Zeitraum, um wirklich eine dauerhafte Verhaltensveränderung zu erreichen.

Ich rate den Eltern übrigens, dass sie mit ihrem Kind irgendeine kleine (!) Belohnung vereinbaren sollen, wenn die drei Wochen (erfolgreich) geschafft sind, z. B. gemeinsam mit dem Kind Eis essen gehen oder ins Kino o. ä. Ich rate immer davon ab, Geldbeträge als Belohnung zu nehmen. Im Eltern-Lehrer-Kind-Gespräch mache ich immer deutlich, dass die eigentliche Belohnung ja ist, dass das Kind besser zurechtkommt. Den Plan loszusein ist übrigens auch eine Belohnung. Es handelt sich hierbei also um ein sich selbst auflösendes Verstärkersytem (Prinzip der „Krücke“).

Die drei Wochen

… sind eine ganz schön lange Zeit. Dadurch, dass das Ziel positiv formuliert ist (mindestens xy lachende Smilies müssen gesammelt werden), haben die Kinder in der Regel von selbst einen Anreiz, das Smilie-Abholen nicht zu vergessen. Fachlehrer sollten informiert werden. Letztlich liegt die Verantwortung des Dran-Denkens jedoch beim Kind.

Am Ende jeder Woche wird ausgezählt, ob das Ziel erreicht wurde. Für den darauffolgenden Plan kann auch ein anderes Ziel (leichter oder schwieriger) vereinbart werden. Die Ziele sollten immer schaffbar sein, aber natürlich auch Anstrengung erfordern. Die Regeln, die oben formuliert werden, ändern sich im Normalfall nicht von Woche zu Woche.

Erfolgsbedingungen

  • Vor dem Einsatz des ersten „Benimmplans“ ein ausführliches Elterngespräch führen.
  • Das Kind muss selbst den Plan wollen und selbst die Ziele setzen.
  • Der Plan muss konsequent über 3 Wochen durchgehalten werden.
  • Maximal 3 Kinder einer Klasse gleichzeitig mit solchen Plänen „versorgen“, mehr ist für die Lehrkraft nicht leistbar.
  • realistische Ziele setzen

Variante

Manchmal kann es auch sinnvoll sein, andere Zeiträume für die Verhaltensbeobachtung zu wählen. Beispielsweise könnte man jeweils am Ende des Tages die Einhaltung einer einzigen Regel wie „Ich beleidige meine Mitschüler nicht“ mit einem einzigen Smilie pro Tag bewerten. Da braucht es dann nicht unbedingt einen Stundenplan, eine Datumsliste reicht dann aus. Natürlich müssen die Eltern genauso täglich unterschreiben. Als ich diese Variante das letzte Mal bei einem Schüler angewendet (der bis zu dem Elterngespräch mit den schlimmsten Beleidigungen um sich warf) habe und ich am Ende des erfolgreich absolvierten Beobachtungszeitraums von knapp 4 Wochen mit ihm sprach, sagte er: „Das ist gut, dass wir das gemacht haben, Frau Nagel. Ich habe festgestellt, dass die anderen Kinder jetzt viel netter zu mir sind.“

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