{"id":881,"date":"2012-03-02T18:20:31","date_gmt":"2012-03-02T17:20:31","guid":{"rendered":"http:\/\/s-ng.de\/?p=881"},"modified":"2021-11-15T09:10:57","modified_gmt":"2021-11-15T08:10:57","slug":"irgendwie-dazwischen-update-im-elbwatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/s-ng.de\/?p=881","title":{"rendered":"Irgendwie dazwischen &#8211; Update. Im Elbwatt."},"content":{"rendered":"<p>Mein neues Romanprojekt (Arbeitstitel: &#8222;Irgendwie dazwischen&#8220;) w\u00e4chst und w\u00e4chst. Inzwischen bin ich auf S. 167 von geplanten ca. 250 (+\/-50) Seiten, und noch immer nutze ich fast jede freie Minute, um daran weiterzuschreiben, denn ich bin weiterhin fasziniert und geradezu besessen von dem Buch.<\/p>\n<p>Weil ich hin und wieder nach dem Projekt gefragt werde, aber nicht so richtig verraten kann, worum es geht (weil sonst das [von mir erhoffte &#8230; ;-)] Leseerlebnis beeintr\u00e4chtigt w\u00e4re), und weil ich ja doch ziemlich ungeduldig bin, m\u00f6chte ich heute eine (diesmal etwas l\u00e4ngere) Textprobe hier ver\u00f6ffentlichen. Gestern war da n\u00e4mlich mal wieder so eine Szene, die, als ich sie geschrieben hatte, danach schrie, und die, anders als die anderen Szenen, die auch schon geschrien haben, nicht zuviel verr\u00e4t.<\/p>\n<p>Diesmal umfasst die Textprobe etwas \u00fcber 1000 W\u00f6rter. Sie besteht eigentlich aus zwei Szenen, die aber nur ca. eine halbe Stunde bzw. eine Textseite auseinander liegen. Zwischen der letzten Textprobe (<a href=\"https:\/\/s-ng.de\/?p=856\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">siehe hier<\/a>) und dieser liegen 80 Seiten und ein Zeitraum von 9 Tagen, die f\u00fcr beide Protagonisten alles andere als einfach waren, es ging f\u00fcr sie um alles, was sie sind und was sie waren, und sie sind noch immer nicht durch diese Krise durch. Aber sie haben einander, vielleicht jedenfalls, wenn man es doch nur genau wissen k\u00f6nnte, wenn man sich doch nur sicher sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333399;\">Es stimmt: Ich verstehe ihn. Ich verstehe sogar, warum er pl\u00f6tzlich geflohen ist. Und bin selber \u00fcberw\u00e4ltigt. Von allem. Davon, dass wir uns begegnet sind, Percy und ich. Dass es mit ihm so anders ist. Dass ich ihn so mag. Dass wir einander so wichtig sind. Auf so eine besondere Art wichtig. Ich k\u00f6nnte rennen, ich k\u00f6nnte schreien, ich k\u00f6nnte fliegen, ich k\u00f6nnte zerspringen, ich bin so ausgef\u00fcllt, \u00fcberf\u00fcllt von diesem wahnsinnigen Gef\u00fchl, von diesem unbegreiflichen Etwas, das mich erfasst hat, und ich m\u00f6chte es teilen, mit Percy teilen, ich m\u00f6chte seine Hand nehmen und mit ihm zusammen rennen, schreien, fliegen. F\u00fchlst du das auch, m\u00f6chte ich ihn fragen, platzt du auch gleich, komm lass uns rennen, lass uns zusammen irgendwo hinrennen und einander nie mehr loslassen.<br \/>\nAber ich bin noch immer mehrere hundert Meter von Percy entfernt, und wenn ich bei ihm angekommen bin, werde ich nicht seine Hand nehmen und ihn das fragen. Denn wenn er nein sagen w\u00fcrde, nein, ich f\u00fchle das nicht, Manu, ich bin blo\u00df froh, endlich einen Freund zu haben, das w\u00fcrde ich nicht aushalten.<br \/>\nAch, Schei\u00dfe, warum ist er so weit geflohen, jetzt ist dieses Gef\u00fchl pl\u00f6tzlich weg, nun bin ich auf einmal ganz unsicher, jetzt, wo ich ihm n\u00e4her komme und fast da bin. Er sitzt immer noch auf dem Deich, einfach so im Gras, im Schneidersitz. Vorhin hat er anders gesessen, soweit ich es erkennen konnte, wahrscheinlich hat er wirklich geweint, aber jetzt hat er sich anscheinend gefangen, er sieht eigentlich ganz entspannt aus, wie er da sitzt.<br \/>\nIch gehe zu ihm hoch und setze mich neben ihn.<br \/>\nStumm blicken wir beide auf den hier noch schmalen Streifen Salzwiesen und die weiten Wattfl\u00e4chen vor uns. Au\u00dfer dem M\u00f6wengeschrei dringen Kiebitz-Rufe zu uns r\u00fcber, kiu-witt, kiu-witt, die Kiebitze laufen in den Salzwiesen umher, in gr\u00f6\u00dferen Schw\u00e4rmen wie so oft. Auf der Elbe begegnen sich zwei Containerriesen. Der Himmel \u00fcber uns ist zerrissen, ich glaube, es ist wirklich windiger geworden, vielleicht gibt es ja tats\u00e4chlich bald einen Sturm.<br \/>\n\u201eDanke\u201c, sagt Percy irgendwann.<br \/>\nDas Komische ist, dass ich mir sicher bin zu wissen, wie er das meint. Deshalb frage ich nicht: Wof\u00fcr? Und ich sage auch nicht: Bitte. Oder: Gern geschehen. Ich schaue ihn einfach an und l\u00e4chele.<br \/>\nEr l\u00e4chelt zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333399;\">[\u2026]<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333399;\">\u201eHast du keine Angst?\u201c, frage ich Percy.<br \/>\nIch hab n\u00e4mlich welche. Man soll doch nicht allein ins Watt gehen, schon gar nicht, wenn gleich Niedrigwasser ist. Das Wasser kommt schneller als man denkt, die Priele laufen zu und schneiden einem den R\u00fcckweg ab. Und es gibt Stellen, da kann man einsinken. Ich bin nicht das erste Mal im Watt, aber das erste Mal ohne Wattf\u00fchrer.<br \/>\n\u201eNein\u201c, sagt Percy. \u201eIch war schon mindestens hundertmal hier drau\u00dfen. Ich kenn mich aus. Ich wei\u00df, wie schnell das Wasser kommt und wo wir langgehen m\u00fcssen.\u201c<br \/>\n\u201eHundertmal? Warum so oft?\u201c<br \/>\n\u201eWeil\u2019s sch\u00f6n ist. Faszinierend. Ruhig. Gewaltig. Friedlich. Immer gleich. Du wirst sehen.\u201c<br \/>\nOkay, denke ich, wenn du meinst.<br \/>\nWir gehen bis zu einem kleinen seitlichen Priel, dann h\u00e4lt Percy an.<br \/>\n\u201eHier bleiben wir stehen\u201c, sagt Percy. \u201eWir haben Westwind, da kommt das Wasser schneller.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wie lange dauert es noch?\u201c<br \/>\nEr schaut auf die Uhr.<br \/>\n\u201eIch denke, in zehn Minuten geht\u2019s los.\u201c<br \/>\nWir stehen einfach da und warten. Der Wind bl\u00e4st uns ins Gesicht und spielt mit unserem Haar. Man h\u00f6rt das leichte Flattern unserer Jacken, das Geschrei der V\u00f6gel und das ganz leichte Pl\u00e4tschern des Priels vor unseren F\u00fc\u00dfen. Noch immer rinnt das Wasser in Richtung Fahrrinne. Ich denke, der Priel m\u00fcsste doch irgendwann leer sein, soviel Wasser enth\u00e4lt er doch gar nicht, aber irgendwo kommt immer neues Wasser her, wahrscheinlich aus dem Wattboden selbst.<br \/>\nVor uns liegen noch mehrere hundert Meter Watt; dahinter erkenne ich die Elbe. Am Horizont sieht man das gegen\u00fcber liegende Ufer, dazwischen Schiffe.<br \/>\n\u201eAchte auf das Elbwasser, auf die Kante\u201c, sagt Percy und zeigt auf die Grenze zwischen Watt und Elbe, ungef\u00e4hr dorthin, wo die Fahrrinne der Hafenzufahrt in die Elbe m\u00fcndet. \u201eEs geht bald los.\u201c<br \/>\nUnd dann geht es wirklich los. Es <\/span><em>ist<\/em> <span style=\"color: #333399;\">faszinierend. Es sieht ein bisschen so aus, als w\u00fcrde die Elbe \u00fcberlaufen. Ich kann es sehen, obwohl das Wasser noch so weit weg ist. Ganz sch\u00f6n schnell wird der Fluss breiter, verliert das Watt an Boden. Aber lange, bevor das Wasser bei uns ist, hat die Flut die Fahrrinne erreicht. Ganz leise und doch h\u00f6rbar und vor allem schnell arbeitet sich eine kleine, vielleicht f\u00fcnf Zentimeter hohe Flutwelle in unsere Richtung vor. Schneller als man rennen k\u00f6nnte. Aber die Fahrrinne liegt tiefer als der Wattboden, noch ist das Wasser nicht bei uns. Jetzt hat sich die Flut schon etwa die H\u00e4lfte des Watts zwischen uns und der Niedrigwasser-Wasserkante geholt. Je n\u00e4her sie kommt, umso besser erkenne ich den Flutsaum, sehe, wie er zwei, drei Zentimeter h\u00f6her ist als der Wattboden, wie er auf uns zukommt, ger\u00e4uschlos, aber unaufh\u00f6rlich.<br \/>\n\u201eDas ist wirklich ein tolles Schauspiel\u201c, sage ich zu Percy. Er steht ganz dicht neben mir. Ich k\u00f6nnte seine Hand nehmen. Aber ich tu\u2019s nicht.<br \/>\n\u201eIch dachte mir, dass es dir gef\u00e4llt.\u201c<br \/>\n\u201eUnd du hast das wirklich schon hundertmal gemacht?\u201c<br \/>\n\u201eWenn ich\u2019s doch sage.\u201c<br \/>\n\u201eWoher nimmst du nur die Zeit daf\u00fcr?\u201c<br \/>\n\u201eIch war die letzten Jahre nicht gerade regelm\u00e4\u00dfig in der Schule. Und nachmittags \u2026 Au\u00dfer dir war noch nie jemand mit mir hier drau\u00dfen.\u201c<br \/>\nSeine Stimme klingt rau.<br \/>\nEr sieht mich nicht an.<br \/>\nEr w\u00e4hlt seine Worte immer mit Bedacht, wenn er was von sich preisgibt. Aber zwischen diesen Worten ist noch so viel mehr. Er m\u00fcsste kaputt sein. Zerbrochen. Doch er ist es nicht. Es weht eine steife Brise, aber er steht hier neben mir im Watt, er ist ein bisschen gr\u00f6\u00dfer als ich und hat breitere Schultern als ich dachte.<br \/>\nEr hat mich mitgenommen an <em>seinen<\/em> Platz. Er hat gewusst, dass es mir gef\u00e4llt.<br \/>\nIch nehme seine Hand.<br \/>\nSie ist warm.<br \/>\nEr zieht sie nicht weg.<br \/>\nWir rennen nicht, wir schreien nicht, wir fliegen nicht. Aber ich zerspringe fast. Und ich w\u00fcsste so gern, ob er auch fast zerspringt.<br \/>\nZu unseren F\u00fc\u00dfen rinnt das Wasser des kleinen Priels in Richtung Fahrrinne. Es ist immer noch das gleiche leise flie\u00dfende und ein bisschen pl\u00e4tschernde Ger\u00e4usch. Wann sich wohl die Flie\u00dfrichtung umkehrt?<br \/>\nLeider nicht, bevor wir gehen. Ich sch\u00e4tze, der Flutsaum ist noch etwa hundert Meter von uns entfernt, als Percy sagt:<br \/>\n\u201eWir sollten gehen. Komm.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>aus &#8222;Irgendwie dazwischen.&#8220; (Rohfassung), S. 162ff.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Kommentare erw\u00fcnscht. :-)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2191 <a href=\"https:\/\/s-ng.de\/?p=881\">nach oben<\/a><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_881\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"881\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon small\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"https:\/\/s-ng.de\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein neues Romanprojekt (Arbeitstitel: &#8222;Irgendwie dazwischen&#8220;) w\u00e4chst und w\u00e4chst. 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