„Über den Berg“ ist eine 11 Normseiten umfassende Kurzgeschichte, die ich für den Kurzgeschichtenwettbewerb zum „Tag des Schreibens“ geschrieben und eingereicht habe. Die Geschichte erschien Ende des Jahres 2011 zusammen mit 10 weiteren Kurzgeschichten aus dem Wettbewerb in der eBook-Anthologie „Zeilenumbruch“ in der EditionZ des Twinmedia Verlages. Inzwischen ist die Anthologie vergriffen und die Rechte liegen wieder bei mir. „Über den Berg“ ist in etwa zeitgleich mit „Weil du es bist“ und „Zurück.“ Anfang Dezember 2019 als E-Book bei Amazon und als Taschenbuch (überall erhältlich) erschienen.

 

 
 

Kurztext

Am Ende des Tages, den der Leser hier miterlebt, ist Sascha noch lange nicht über den Berg. Aber er hat einen Freund – und endlich die Kraft, sich der Herausforderung zu stellen. Oben leuchtet der Himmel. Ein bisschen davon kann Sascha schon sehen.

 

SpinOff

Die Hauptperson der Kurzgeschichte, Sascha, ist einer der beiden Protagonisten aus dem Roman „Weil du es bist„. „Über den Berg“ ist jedoch aus Saschas Sicht geschrieben und beleuchtet einen Tag im Leben Saschas aus der Zeit der Trennung von Fredi. Die Geschichte ist in sich unabhängig; gleichzeitig ergänzen sich beide Werke gegenseitig, gleichgültig, in welcher Reihenfolge man sie liest.

 

Entstehungsgeschichte der Anthologie „Zeilenumbruch“

Im Mai/Juni 2011 war auf der Plattform neobooks.com ein Kurzgeschichtenwettbewerb zum „Tag des Schreibens“ ausgeschrieben. Das Thema lautete:

Es gibt Tage, die verändern das gesamte Leben. Manchmal reichen wenige Buchstaben aus und schon ist nichts mehr wie vorher. Wir wollen Geschichten lesen, in denen ein geschriebenes Dokument und der Tag, an dem es geschrieben wurde eine wichtige Rolle spielen – das kann zum Beispiel ein Brief, ein Testament oder ein einfacher Zettel sein…

Über 200 Kurzgeschichten wurden eingereicht. Meine Geschichte erhielt sehr viele positive Rezensionen, zählte aber am Ende nicht zu den Gewinnern. Einige der Autorinnen und Autoren, die schön länger sehr aktiv bei neobooks waren, schlossen sich zusammen, um ihre Geschichten dennoch in einer eBook-Anthologie herauszubringen. Entstanden ist eine tolle Sammlung von elf sehr unterschiedlichen Geschichten, die jede auf ihre Art das Thema auf sehr gelungene Weise umgesetzt haben.

Seit dem 08.12.2011 konnte die Anthologie käuflich erworben werden. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

 

XXL-Leseprobe „Über den Berg“

Der Text ist das geistige Eigentum von Sabine Nagel und unterliegt dem deutschen Urheberrecht. Vervielfältigung und Verwendung zu anderen Zwecken als der eigenen Information nicht gestattet.

Es ist Samstagmorgen, 0:11 Uhr. Ich sollte ins Bett gehen, aber ich kann ja doch nicht schlafen. Seitdem ich mich von Fredi getrennt habe, liege ich oft noch lange grübelnd im Bett. Sie fehlt mir, immer noch. Ich habe sie geliebt. Und doch habe ich sie in den Wind geschossen. Weil ich keine Kraft mehr hatte, ihr vorzumachen, dass es mir gut geht. Ich will stark sein, ebenbürtig; gelungen ist es mir nicht. Jetzt kämpfe ich wieder allein, seit neun Monaten schon, mit mir und mit meinem beschissenen Leben und jede Nacht mit dem Einschlafen.

Ich öffne noch einmal das E-Mail-Programm. Vielleicht gibt’s ja doch noch was Neues, auch wenn es unwahrscheinlich ist. Max und Philipp aus meinem Semester und Hannes vom Basketball, der irgendwie viel besser klarkommt als ich, haben auch was Besseres zu tun, als mich ständig mit Mails zu beglücken.

Es macht „pling“ – ich habe tatsächlich eine neue Mail. Ich erschrecke, als ich den Absender erkenne. Markus Wieland. Mein bester Freund aus meinem alten Leben. Er hat die Mail erst vor wenigen Minuten abgeschickt. Was will er von mir? Atemlos lese ich seine Zeilen:

Hi Sascha, wollte mal hören, wie’s dir so geht. Ich weiß, du hast mir gesagt, du willst keinen Kontakt mehr, aber das ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Zweieinhalb Jahre sind eine lange Zeit. Ich will mich nicht aufdrängen. Aber du sollst wissen: Ich bin immer noch dein Freund und habe dich nicht vergessen. Ich hoffe, dir geht es gut. Wenn ja, lass mal von dir hören. Wenn nein – dann erst recht. Meine Handynummer siehst du unten in der Signatur. Ich würde mich sehr freuen. Ganz liebe Grüße, Dein Freund Markus

Von außen betrachtet eine ganz normale Mail. Schrifttype Courier New, 10 Punkt, Nur-Text Format. Kein Bild, kein Anhang. Wenige Zeilen, im wahrsten Sinne des Wortes unaufdringlich. Nüchtern. Und doch treffen sie mich, mitten ins Herz.

Ich habe in letzter Zeit öfter an Markus gedacht. Wie kommt er darauf, mir gerade jetzt zu schreiben? Ahnt er, dass ich längst bereue, ihn damals weggeschickt zu haben? Dass es mir leidtut, so gemein und zynisch gewesen zu sein, nur damit er endlich geht? Er ist damals der Hartnäckigste von allen gewesen. Ich musste die schwersten Geschütze auffahren, alle Brücken abbrechen, alles Land verbrennen. Irgendwann ist er wirklich gegangen.

„Ein Ekel bist du geworden, Sascha. Weißt du was, du kannst mich mal. Ertrink doch in deinem Selbstmitleid, wenn dir das lieber ist.“ Seine Stimme war voller Hass, als er es zu mir sagte, auf dem Absatz kehrtmachte und ging. Und ich blieb zurück, allein auf dem Bett, daneben der Rollstuhl, dessen Sitzfläche mir unendlich weit weg und unerreichbar schien. Markus’ Worte hätten für mich ein Schlag ins Gesicht sein müssen, aber ich war einfach nur erleichtert, dass er weg war und nicht sah, wie ich mich abmühte. Wie mir der Schweiß auf die Stirn trat, wenn ich all meine Kräfte zusammennahm, um vom Bett in den Rollstuhl überzusetzen. Wie meine Arme von der Kraftanstrengung zu zittern begannen, weil ich mehrere Anläufe brauchte, bis es mir endlich gelang, meinen bis zum Bauchnabel gelähmten Körper in den Rollstuhl zu befördern. Als ich schließlich drin saß, war mein T-Shirt nass vor kaltem Schweiß.
Und Markus war weg.
Für immer. Wie so viele. Alle eigentlich.
Gut so.
In meinem neuen – armseligen – Leben war kein Platz für ihn.

Erst sitze ich eine Weile wie betäubt vor dem Bildschirm. Ich höre Markus’ wütende, enttäuschte, schneidende Stimme, als hätte er es eben erst gesagt. Und jetzt diese Mail. Einfach so baut er mir eine Brücke. Lässt zwischen den Zeilen durchblicken, dass er nicht sauer ist wegen damals. Weit hat er die Tür geöffnet, und ich muss einfach nur hindurchgehen. Oder vielmehr hindurchrollen.

Ich beginne zu zittern, als ich, einem spontanen Impuls folgend, Markus’ Nummer wähle. Nach ein paar Ziffern breche ich ab. Was soll ich überhaupt sagen? Mich erklären? Um Verzeihung bitten? Mein Mund ist plötzlich trocken und mein Kopf leer.

Schließlich lege ich das Telefon wieder weg, öffne Markus’ E-Mail erneut und drücke auf den „Antworten“-Button.

Hi Markus, danke für deine Mail. Ich weiß nicht, wie es mir geht, besser, ja, aber gut ist definitiv das falsche Wort. Ich brauche für den Wechsel vom Bett in den Rolli keine drei Sekunden und hab mich an mein neues Leben zumindest einigermaßen gewöhnt, immerhin soweit, dass ich mich über deine Mail sehr, sehr freue. Für ein paar Monate hatte ich sogar eine Freundin, aber ich Idiot habe sie auch in die Wüste geschickt, ich war einfach noch nicht bereit. Mittlerweile frage ich mich, was schlimmer ist, die Behinderung an sich oder dieser hirnrissige Drang, alle, dir mir was bedeuten, wegschicken zu wollen. Was machst du so? Studierst du wirklich Geographie in Mainz, wie du es damals vorgehabt hast? Machst du noch Zehnkampf? Sorry, dass ich so feige bin und maile anstatt anzurufen, aber meine Finger haben einen fürchterlichen Zitteranfall bekommen, als ich deine Nummer wählen wollte … Liebe Grüße, bis bald, Sascha.

Ich setze die Signatur mit meiner Telefonnummer ebenfalls drunter und drücke sofort auf „Senden“, bevor ich es mir noch anders überlege.

Das Telefon klingelt schneller, als ich es erwartet hätte. Im Display erkenne ich die von Markus angegebene Nummer wieder. Anscheinend ist er auch noch wach. Augenblicklich wird mein Mund wieder trocken, aber ich überwinde mich und nehme ab.

„Hallo Markus.“

„Hi, Sascha. Abnehmen geht wohl noch?“ Es ist dieselbe warme, fröhliche und wie so oft ein bisschen ironische Stimme, die ich von Markus kenne.

„Äh, ja, ist ja eine … eher … grobmotorische Tätigkeit. Schön, dass du anrufst.“

„Schön, dass du rangehst. Und dass du geantwortet hast. Ich hab deine Mail mal als Aufforderung zum Anrufen verstanden.“

„Das hast du richtig interpretiert. Ich … ich freue mich sehr.“

„Ja, nun lass mal gut sein. Ich entnehme deiner Mail erfreut, dass du deinen Humor wiedergefunden hast.“

„Na ja, mal mehr, mal weniger. Es ist immer noch ein täglicher Kampf.“ Warum erzähle ich ihm das? Woher kommt diese plötzliche Offenheit? Wieso sprudeln die Worte so aus mir heraus? Ich beiße mir auf die Zunge. Markus soll nicht denken, dass ich ihn als seelischen Mülleimer missbrauchen will.

Gottseidank geht er nicht auf meinen Beinahe-Seelen-Striptease ein. „Ich bin morgen – also Samstag – in Hannover. Hast du Lust und Zeit für ein Treffen?“

Ich habe am Samstagnachmittag ein Basketball-Punktspiel, aber das erwähne ich besser nicht. Er will sonst bestimmt zugucken. Aber ich will nicht, dass er sieht, wie ich mit neun anderen Rollstuhlfahrern wie wild einem Ball hinterherjage.

„Morgen früh würde passen“, sage ich ohne weitere Erklärung.

„Ja, prima. Gehen wir zusammen irgendwo frühstücken oder soll ich mit Brötchen vorbeikommen?“

„Woher willst du wissen, dass ich einfach mal eben so auswärts frühstücken könnte?“

Am anderen Ende der Leitung ist es für einen Augenblick still. Der Moment ist kurz, aber doch lang genug, dass mir auffällt: Den letzten Satz hätte ich besser nicht gesagt. Die „Selbstmitleid“-Warnleuchte blinkt drohend. Ich bin ein Idiot. Ein verdammter Idiot.

„Ist die Annahme falsch?“, fragt Markus schließlich. Er klingt ein bisschen unsicher.

„Nee, du hast schon richtig kombiniert. ’Tschuldigung. Um zehn Uhr im ‚Alex’ am Klagesmarkt?“

Das Frühstück mit Markus ist wunderbar. Wir sitzen gleich neben dem Eingang; die Januarsonne wärmt uns durch das Fenster. Ganz selbstverständlich trägt Markus auch mein Tablett vom Buffet zum Tisch. Er und ich haben uns über zwei Jahre nicht gesehen, aber das scheint keine Rolle zu spielen. Wir sprechen nicht über die Zeit direkt nach dem Unfall, auch nicht über die Gemeinheiten, die ich ihm an den Kopf geworfen habe. Er hat mir ganz offensichtlich verziehen und verlangt keine Entschuldigung. Das ist Freundschaft, denke ich erleichtert und dankbar.

Wir erzählen viel und lachen sogar. Fast ist es wie früher. Nur, dass wir diesmal auf keinen Fall anschließend noch irgendetwas Verrücktes tun werden. Wie einen Baukran hochklettern zum Beispiel. Oder mit Klamotten in die Ihme springen. Markus und ich haben immer irgendwelche verrückten Sachen gemacht. Mutproben. Streiche. Wir waren auf der Sonnenseite des Lebens. Sportlich, mutig, ideenreich, witzig, cool. Durch dick und dünn sind wir gegangen. Haben zusammen Mädchen geärgert und Lehrer. Sind mit vierzehn schon zu zweit durch Holland geradelt. Jahrelang fuhren wir dreimal pro Woche zusammen nach Hannover zum Training. Zehnkampf. Wir waren beide gut, sehr gut. An den niedersächsischen Jugendmeisterschaften durfte dann nur ich teilnehmen. Aber das hat unsere Freundschaft nicht belastet. Wir hatten immer Spaß.

Bis zu jenem beschissenen Tag, an dem sich alles änderte. Natürlich ist auch das ein Tag gewesen, den ich mit Markus verbracht habe. Ein Tag wie so viele andere – draußen in der Natur, am Berg, fröhlich, kraftvoll, auf dem Weg nach oben. Und dann, ein Fehltritt. Ein wackliger Stein, im Übermut mit viel zu viel Schwung betreten. Statt aufwärts ging es abwärts. Viel zu schnell. Ein Baum am Abhang rettete mir das Leben – und brach mir die Wirbelsäule. Mit ihr zerbrachen auch mein altes Leben und meine Selbstachtung. 

„He, was ist?“, unterbricht Markus meine Gedanken. Wir sind inzwischen fast fertig mit dem Frühstück und haben die letzten Minuten geschwiegen.

„Ach, nichts“, wiegele ich ab. „Ich dachte nur … an früher. War echt ’ne schöne Zeit.“

„Ja, wirklich. Ich hab’ dich sehr vermisst, Sascha.“

„Warum? Das lohnt sich nicht. Ich bin nicht mehr derselbe. Es ist nicht mehr so wie früher.“

„Stimmt. Du bist voll der Langweiler geworden. Ich hatte gedacht, wir könnten heute noch da drüben das Baugerüst hochklettern und den Bauarbeitern für Montag ’ne Flasche Bier hinstellen, aber wenn ich dich so ansehe, wird mir klar, das wird wohl nichts.“

Natürlich weiß ich, er meint es ironisch, aber seine Worte tun mir trotzdem weh. „Dann such dir doch jemand anderen zur Bespaßung“, will ich ihm entgegenbrüllen, aber die Warnleuchte blinkt zum Glück so grell, dass selbst ich es bemerke, und mit Mühe schlucke ich die Worte runter. Doch mir fällt beim besten Willen nichts Schlagfertiges ein, das ich stattdessen sagen könnte.

„’Tschuldigung“, sagt Markus, plötzlich ganz leise. „War ’n blöder Scherz.“

 Ende der Leseprobe.

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Ausgewählte Leserstimmen

„Mir gefällt diese Geschichte sehr gut, weil sie mir einen tiefen, tiefen Einblick in eine stark gebeutelte Seele gibt. Einen Einblick, den ich auch aus meinem Bekanntenkreis nicht kenne, deshalb ohne diesen Text überhaupt nicht gekannt hätte. […] Diese Geschichte ist vieles für mich: tiefgründig, sogar abgründig, hoffnungsvoll, eigensinnig und sogar humorvoll, auf eine … liebenswert sarkastische Art und Weise. Für mich ist hiermit eine weitere, unabhängige Facette der Geschichte um Fredi und Sascha (hier ganz ohne Fredi) zum Leben erweckt worden.“ (Nathan Jaeger, 16.06.2011)

„Eine Geschichte über Mitgefühl – nicht Mitleid (!) – und echte Freundschaft – eine Geschichte über das Leben, das Weiterleben und Lebensfreude. Ach, was soll ich sagen: ich finde sie einfach schön. Dafür gibt es noch tausend Gründe. Aber wer braucht die eigentlich? Gekonnt geschrieben, Thema getroffen – und das Leserherz :-) (Brigitte Pons, 16.06.2011)

„Sehr einfühlsam und authentisch geschrieben und mit dem gewissen Etwas, das bei mir eine kleine Gänsehaut verursacht hat.“ (Rebecker, 17.06.2011)

„Deine Charaktere, liebes Nordlicht, packen mich. Mit jeder einzelnen Faser meines Seins. Ich habe das Gefühl deinen Sascha zu kennen … inzwischen so gut, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich ihn gerne treffen würde. Ich weiß nicht, ob ich sein Selbstmitleid – das wahnsinnig gut rübergebracht und natürlich völlig verständlich ist – aushalten könnte … Auch hier habe ich die Geschichte in einem Rutsch gelesen in einer gefühlten zehntel Sekunde.“ (Maria M. Lacroix, 18.06.2011)

„Eine tolle Hinführung zu den Protagonisten. Die Figur entwickelt sich wie eine Zwiebel – Schicht für Schicht. […] Diese Geschichte kommt auf leisen Sohlen oder – besser gesagt – rollt auf leisen Rädern. Ich lese zum ersten Mal was von dir und bin gleichauf begeistert! So macht man Sätze und transportiert Gefühle. Spitze! Keine Fehler, die mir aufgefallen wären. Tolle Dialoge: ehrlich, erfrischend und alles andere als langweilig.“ (Jorden, 19.06.2011)

 

Dank

Ich danke den Rezensenten, die meine Geschichte auf neobooks gelesen und bewertet haben, nicht nur für ihr Lob, sondern auch für ihre kritischen Anmerkungen zu zwei Punkten, die ich später überarbeitet habe. Es ist immer eine besondere Herausforderung, eine Geschichte aus der Sicht des anderen Geschlechts zu schreiben – sie auch in dieser Hinsicht bis ins (hoffentlich) letzte Detail stimmig zu bekommen wäre mir ohne das Lektorat von Tonja Züllig und besonders von Ivar Furrer so nicht gelungen.

 

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